Normalerweise ergreifen, diejenigen, die verabschiedet werden, am Ende das Wort für eine Rückschau und Worte des Dankes. Nicht so Rita Nagel. Die langjährige katholische Koordinatorin der ökumenischen Notfallseelsorge in der Städteregion Aachen macht den Anfang – noch vor dem Gottesdienst zu ihrer Verabschiedung in den Ruhestand. „Sonst hätte ich das nicht mehr geschafft“, sagt sie – bereits mit erster Rührung kämpfend – als sie ihre Erinnerungs-Bildergalerie öffnet und sich bei den zahlreich erschienenen Menschen bedankt, die ihren Weg begleitet haben. Das sind Seelsorge-Kolleg*innen, die sie gestützt und getragen haben, die „Blaulicht-Familie“, ohne die ihre Arbeit nicht möglich gewesen sei, die vielen Ehrenamtlichen, die sie durch die Ausbildung und in ihrem Dienst begleiten durfte und ihre Familie. „Ich weiß nicht, wie oft ich das Essen fertig hatte, der Pieper ging und ich Mittagessen gegen Einsatz getauscht habe.“
"Seele und Motor" der Notfallseelsorge verabschiedet

Foto: Andrea Thomas
Zum Abschiedsgottesdienst waren zahlreiche Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter gekommen, um „Danke“ zu sagen.
Beruf als Berufung
Keine Frage - hier geht eine in den Ruhestand, die ihren Dienst mit Leib und Seele versehen hat, für die Beruf auch Berufung war. Über 20 Jahre war Rita Nagel das Gesicht oder - wie Matthias Quarch, derzeit Vorsitzender des Kuratoriums der Notfallseelsorge - es ausdrückte, „Seele und Motor“ der Notfallseelsorge in der Städteregion Aachen. 2014 hat sie für die katholische Seite die Leitung des gemeinsamen Angebots des Bistums Aachen, des evangelischen Kirchenkreises und der Städteregion Aachen übernommen. Zusätzlich dazu in der Vakanz (nach dem Ausscheiden von Eckhard Weimer auf evangelischer Seite – im besten Sinne von gelebter Ökumene) die Koordination für beide Kirchen. Sie hat dem Dienst ihren Stempel aufgedrückt, ihn mit weiterentwickelt und in den Schulungen für die ehrenamtlichen Notfallseelsorger, die sie geleitet hat, weitergegeben, was diesen Beruf für sie ausgemacht hat: Menschen in Lebenssituationen, in denen ihnen sprichwörtlich der Boden unter den Füßen wegbricht, Halt zu geben. Wo Worte fehlen, einfach da zu sein und das Undenkbare mitauszuhalten.
"Riesenschatz für die Städteregion"
Diesen Einsatz, aber vor allen auch sie als Menschen, würdigen alle, die an diesem Spätnachmittag das Wort ergreifen. Bianca van der Heyden, Landespfarrerin für Notfallseelsorge der evangelischen Kirche im Rheinland, hat für ihre Predigt ausgehend von Jesaja 43,1 („…ich habe dich bei deinem Namen gerufen…“) nach der Bedeutung von „Rita“ gesucht. Da sei zum einen im italienisch-spanischen Sprachgebrauch Margharita „Perle“. „Du warst ein Riesenschatz für die Städteregion.“ Dabei habe sie auch bei der evangelischen Notfallseelsorge Zeichen gesetzt. Ebenso passend sei die heilige Rita von Cascia. Die sei nämlich Schutzpatronin „für Menschen in ausweglosen Situationen“. „Du warst achtsam, mit einer Aufmerksamkeit für dein Gegenüber, das seinesgleichen sucht. Hast dein Team mit Fachkompetenz geleitet und tiefer seelsorglicher Bescheidenheit“, findet Bianca von der Heyden wertschätzende Worte.

Foto: Andrea Thomas
Pfarrerin Bianca von der Heyden, Pfarrer Frank Hendriks, Superintendentin Verena Jantzen und ihr Nachfolger Theo Esser spenden Rita Nagel nach der Entpflichtung den Segen.
Bleibt der Region als Referentin erhalten
Als solche wird Rita Nagel im Rahmen des Gottesdienstes auch offiziell entpflichtet und aus dem Dienst für das Bistum Aachen, für das sie 1999 als Gemeindereferentin beauftragt worden war, entlassen. In ihrem Berufsleben neben der Notfallseelsorge war sie in verschiedenen Pfarrgemeinden in der Städteregion tätig und war unter anderem Berufsgruppensprecherin für ihre Kolleginnen und Kollegen im Bistum Aachen. Als Referentin für Präventionsschulungen wird sie auch im (Un-)Ruhestand noch tätig bleiben.
Auf Gottesdienst und offiziellen Teil folgen sehr persönliche Dankesworte und Geschenke.
Sehr persönliche Geschenke zum Abschied
Ein besonderes Dankeschön gibt es auch von ihrem Nachfolger Thilo Esser, den Rita Nagel im vergangenen halben Jahr eingearbeitet hat. Zwischen ihnen habe sofort die Chemie gestimmt. „Diese Aufgabe, Menschen nicht allein zu lassen in der Not, ist für mich zutiefst christlich“, sagt er. Ein praktisches Christentum, das nicht fragt: Wer bist du oder woran glaubst du?, sondern nur: Wie kann ich dir helfen? Diese Haltung teilten sie und so werde er auch den Dienst weiterführen. Ab Herbst dann gemeinsam mit Steffi Ritzerfeld-Schulze, die die evangelische Koordinationsstelle übernehmen wird.

Foto: Andrea Thomas
Den ökumenischen Gottesdienst leiteten Pfarrer Frank Hendriks, Regionalvikar Aachen-Stadt, und die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises, Verena Jantzen.
Voll Neugier auf den neuen Lebensabschnitt
Rita Nagel wünscht beiden „besondere Momente“, wie sie sie in ihrer Dienstzeit erleben durfte, denn Notfallseelsorge ist zwar oft die Konfrontation mit größtem Leid, aber auch einem kleinen Funken Hoffnung, damit Menschen im Tränental ein wenig Trost erhalten. Sie selbst geht mit einer Träne im Knopfloch, aber auch voll Neugier auf den neuen Lebensabschnitt, wie sie sagt. Sie lässt Menschen zurück, die ihr wichtig geworden sind und nimmt Erfahrungen, Begegnungen und Erinnerungen mit. „Es gibt einige Einsätze, die wirken nach, zum Beispiel, wenn Kinder betroffen waren. Jeder Notfallseelsorger hat seine Landkarte der Region, mit Orten, die ihn an Einsätze erinnern“, sagt sie und fügt an. „Wenn ich auf dem Heimweg Blaulicht am Straßenrand gesehen habe, habe ich angehalten, meine Weste angezogen und gefragt, ob ich helfen kann. Das werde ich vermissen.“ Anhalten wird sie wahrscheinlich trotzdem und auch ohne offizielle Funktion fragen „Kann ich helfen?“.
Text: Andrea Thomas




