"Etwas Besonderes in einfacher Form"

"Einfach heiraten" im Nordkreis: mit ungewöhnlichen Riten und in außergewöhnlichen Konstellationen

Große Banner und Aufsteller werben vor der evangelischen Kirche in Vorweiden für „Einfach Heiraten“, doch mit Spontan-Trauungen rechnet Pfarrer Wolfgang Willnauer-Rossek an diesem Nachmittag nicht mehr. „Wir liegen nicht so zentral. Hier kommt niemand vorbei und denkt, was ist denn hier los“, sagt er. Unzufrieden ist er dennoch nicht. Im Gegenteil: Neun unterschiedliche Paare hatten sich angemeldet, um sich an diesem Tag in der liebevoll geschmückten kleinen Kirche zu trauen oder segnen zu lassen.

Aktive aus drei Gemeinden vor Ort

Dazu waren Kolleginnen und Kollegen aus den Nordkreisgemeinden in Herzogenrath, Baesweiler, Alsdorf und Würselen mit dabei, ebenso weitere Ehrenamtliche, Musikerinnen und Musiker. „Das war eine schöne Erfahrung. Der Termin für 2027 liegt etwas ungünstig in den Ferien. Sonst wären wir sofort wieder dabei“, sagt er. Denn die Aktion selbst findet er toll, weil sie ein für Menschen zugängliches Format sei, dass etwas Besonderes in eine einfache Form bringe, ohne dass es dadurch an Bedeutung verliere. 

Pfarrer Willnauer-Rosseck hat an diesem Tag selbst „die Seite gewechselt“ und sich nach 30 Jahren Ehe mit seiner Frau für weitere gemeinsame Jahre segnen lassen. Auch die anderen Paare waren begeistert, die Trauungen – trotz der Kürze – feierlich und ganz persönlich. Wie bei Heike und Jörg Dengler. Der 26.6.26 ist ihr Tag, in mehrfacher Hinsicht. Denn auf den Tag genau vor zwölf Jahren haben sie sich kennengelernt, und als sie im Januar entschieden haben, „wir wollen heiraten“, da sei der einzige Termin, den das Standesamt ihnen angeboten habe – richtig! – der 26. Juni gewesen. „Das war doch mal ein Zeichen“, schmunzelt Bräutigam Jörg. Nun sollte, wenn möglich, am selben Tag auch kirchlich geheiratet werden. Und wieder fügten sich die Dinge. 

Besondere Trauungswunsch: Handfasting

Beide musizieren leidenschaftlich in der Celtic-Folk-Band, „Saileach“ (irisch-gälisch für Weidenbaum), die ihre Wurzeln in der zur Evangelischen Christusgemeinde Alsdorf-Würselen-Hoengen-Broichweiden gehörenden Gemeinde in Vorweiden hat. Und so fanden sie hier in Wolfgang Willnauer-Rosseck auch einen Pfarrer, der ihren besonderen Trauungswunsch möglich machte: „Wir wollten den keltischen Brauch des Handfasting in unsere Trauung einbinden“, erzählt die Braut. Als der ihnen dann auch noch von der Aktion „einfach heiraten“ an dem Tag erzählte, war für sie klar: Perfekter geht nicht! Mit den Menschen, die ihnen nahe sind, feierten die beiden an diesem Tag genau die kleine, feine Hochzeit, die sie sich gewünscht hatten. Selbst die Wetterbestellung hat (fast) funktioniert: „Wir haben jeder Sonne und 20 Grad bestellt. Nur eben beide…“, scherzt Jörg Dengler. „Ihren“ Tag kann auch kein Hitzerekord trüben.

Doppelhochzeit

Eine ungewöhnliche Trauung ist auch die von Natascha Thelen und Conrad Bader, denn sie sind an diesem Tag nicht das einzige Brautpaar in der Familie. Direkt nach ihnen heiraten Nataschas Mutter Ursula Thelen und ihr Mann Erich Bruß. Das macht den Moment für Conrad und speziell für Natascha noch einmal ganz besonders. Wie oft könne eine Tochter schon dabei sein, wenn ihre Mama heiratet, und dann auch noch am gleichen Tag wie sie selbst?, fragt der Bräutigam. Vielleicht ist es das, was bei der Braut, die als eine der wenigen in Weiß vor den Altar tritt, dann doch für spürbare Anspannung und besondere Rührung sorgt. 

Schon elf Jahre verheiratet

Denn eigentlich müssten sie und ihr Mann wissen, wie es geht. Standesamtlich sind sie bereits seit elf Jahren ein Ehepaar. „Da hatten wir auch direkt kirchlich heiraten wollen, haben aber keinen für alle passenden Termin gefunden. Daher haben wir uns damals für eine freie Trauung entschieden“, berichtet Natascha Thelen. Umso schöner, dass sie nun doch noch ihre kirchliche Trauung bekommen. „Das ist das i-Tüpfelchen. Damit schließt sich ein Kreis“, erklärt Conrad Bader. Das dann auch noch mit ihrer Familie erleben zu dürfen, sei besonders.

Hochzeitspaar an der Kirchentür mit Pfarrerin

Letzte Vorbereitungen, bevor es gleich vor den Traualtar geht für Natascha Thelen und Conrad Bader, rechts Vikarin Rebecca Sahm-Stollewerk.

Natascha Thelen und Conrad Bader tauschen die Ringe.

Natascha Thelen und Conrad Bader tauschen die Ringe.

Es ist geschafft: Freudiges Erinnerungsbild vor dem Aktionsbanner "Einfach Heiraten".

Es ist geschafft: freudiges Erinnerungsbild vor dem Aktionsbanner "Einfach Heiraten".

Die erste Trauung für die Vikarin

Besonders ist die Trauung der beiden auch für Rebecca Sahm-Stollewerk: „Es ist meine allererste Trauung“, verrät die junge Vikarin aus der Lydia-Gemeinde Herzogenrath sichtlich aufgeregt im Vorfeld. Wofür es keinen Grund gibt, alles klappt prima, sie vergisst nichts und ihr Premieren-Brautpaar ist mehr als zufrieden. „Als ich von der Aktion ,Einfach Heiraten‘ gehört habe, wollte ich unbedingt mitmachen“, erzählt Rebecca Sahm-Stollewerk. Warum? „Bei vielen gibt es eine Hemmschwelle, weil sie mit Kirche nicht mehr so vertraut sind. Dieses Format ist offen und einladend für viele.“ 

Text: Andrea Thomas

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